Goldpokal BYC und Vidi Pokal MYC 2026

Zwei Klassiker, zwei Vereine, zweimal Segeln mit Kultstatus

Es gibt Regatten, bei denen zählt vor allem die Platzierung. Und es gibt Regatten, auf die freut man sich schon Monate vorher. Goldpokal und Vidi gehören zweifellos zur zweiten Kategorie.

Warum eigentlich? Vielleicht, weil beide Veranstaltungen ein bisschen anders sind.

Beide zählen “nur” halb in der Jahreswertung – segeln will sie von den 45er trotzdem jeder. Gesegelt wird nach Yardstick, wodurch sich Racer, Langkieler, Rennjollen und liebevoll restaurierte Klassiker dieselbe Startlinie teilen. Je nach Wind geht es auf den legendären roten oder grünen Langstreckenkurs, beim Goldpokal sind es sogar bis zu drei Wettfahrten. Der Vidi setzt dagegen auf sein einzigartiges Känguru-Startsystem, bei dem die Schnellsten am längsten frühstücken dürfen.

Der Goldpokal wird traditionell vom Bayerischen Yacht-Club ausgerichtet, der Vidi vom Münchner Yacht-Club. Zusammen bilden sie das Herzstück der “Starnbergersee Classics”.

Und eines verbindet beide Veranstaltungen ebenfalls:

Die Regatta endet nicht im Ziel. Sie endet erst, wenn das letzte Bier ausgeschenkt und die letzte Seglergeschichte erzählt wurde.

Goldpokal BYC – 55 Klassiker auf einer Startlinie

Neun 45er trafen beim Goldpokal auf insgesamt 55 klassische Holz Yachten. Schon am Samstagmorgen verwandelte sich der Hafen des BYC in ein schwimmendes Freilichtmuseum feinster Bootsbaukunst.

Von der pfeilschnellen Lake 35 bis zum ehrwürdigen Lugger war alles vertreten, was aus Holz schwimmen kann. Jeder Quadratmeter Hafen roch nach Lack, Leinöl, Stolz und Leidenschaft.

Pünktlich um 11 Uhr fiel der erste Startschuss. Und was für einer. 55 Klassiker setzen sich gleichzeitig in Bewegung – allein dieses Bild ist jedes Jahr die Teilnahme wert.

Die 45er erwischten durchweg einen starken Start und fanden sich zusammen mit den schnellen L-Booten sofort in der Spitzengruppe wieder. Dazwischen mischten sich immer wieder einige Rennjollen, die mit beeindruckender Geschwindigkeit über den See schossen.

Der Wind hatte allerdings beschlossen, selbst ein wenig Regatta mitzusegeln.

Böen, Dreher bis zu 45 Grad und ständig wechselnde Druckverhältnisse sorgten dafür, dass kaum ein Segel länger als ein paar Minuten in Ruhe arbeiten durfte.

  • Genua raus.
  • Spi hoch.
  • Spi wieder runter.
  • Vielleicht doch wieder Genua.
  • Nein… jetzt doch wieder Spi.

Dazu Tonnenrundungen mit Gegenverkehr und jede Menge hektische Manöver mit Lee-Watschen Charakter.

Genau so stellt man sich anspruchsvolles Segeln am Starnberger See vor.

Im ersten Rennen setzte sich kein Geringerer als Philipp Hiebler mit seiner wunderschön restaurierten P33 Xanthippe durch. Ein toller Erfolg und gleichzeitig eine wunderbare Werbung dafür, wie konkurrenzfähig unsere klassischen Langkieler auch heute noch sein können.

Der Wind hielt mit 2-5 Windstärken erstaunlich konstant durch und Wettfahrtleiter sowie Crew nutzten die Gelegenheit konsequent aus.

Also gleich weiter. In der zweiten Wettfahrt schlug dann die Stunde von Markus “Burle” Glas und seiner P241.

Und auch das dritte Rennen entwickelte sich erneut zum hochklassigen 45er-Schlagabtausch, den Burle schließlich ebenfalls für sich entscheiden konnte.

Leider endete der starke Auftritt der P33 vorzeitig. Nach dem beeindruckenden Sieg im ersten Rennen zwang ein Mastbruch das Team zur Aufgabe. Schade – gerade weil Xanthippe an diesem Tag eindrucksvoll gezeigt hatte, was in ihr steckt.

Das Wichtigste des Tages: Ich war plötzlich Jollensegler…

Als Schreiber dieses Berichts durfte ich diesmal völlig ungewohnte Erfahrungen sammeln. Da unsere P247 Mannschaft ein wohlverdientes Regatta-Wellness-Wochenende verordnet hatte, heuerte ich kurzerhand auf einer Dreimann J-Jolle an.

  • 22 Quadratmeter Segelfläche
  • 101 Jahre alt
  • Wackelig ohne Ende
  • Keine Kajüte
  • Kein Kühlschrank
  • Und vor allem: nichts, woran man sich vernünftig festhalten kann

Bereits der Aufbau am Freitag fühlte sich eher nach Maschinenbaustudium als nach Feierabendsegeln an. Nach einem kurzen Trainingsschlag glaubte ich allerdings, das System verstanden zu haben. Welch folgenschwerer Irrtum.

Das erste Rennen lief überraschend gut. Wir waren als neues Team gut unterwegs und fühlten uns zunehmend wohl. Es wurde ein 9. Platz.

Im zweiten Rennen wollten wir dann zeigen, was wirklich in uns steckt. Die J-Jolle begann gerade so richtig vor Wind zu fliegen. Der Spi stand perfekt. Die heranbrausende Bö sollte uns jetzt in Siegerposition schießen. Alle waren mega gespannt. Bis für einen winzigen Moment niemand mehr so genau wusste, wo eigentlich “oben” ist. Luvkenterung unter Spi, und zwar vom Feinsten.

Während unsere Konkurrenz an uns vorbeischoss und grinste, absolvierten wir unfreiwillig den Intensivkurs “Wassersport” und beschäftigten 4 Rettungsboote. Zwei Stunden trieben wir mit unserer schwimmenden Badewanne über den Starnberger See, bis wir endlich in Ufernähe unsere Badewanne ausschöpfen konnten. Unsere Regatta war damit beendet. Unser Muskelkater allerdings noch lange nicht. Beim anschließenden Seglerhock war die Sache natürlich Gesprächsthema Nummer eins.

Der Kommentar des Abends lautete: “Hanno hat nach 50 Jahren endlich sein Seepferdchen gemacht.” Danke dafür…

Seglerhock mit Stil

Nach so viel Sport schmeckte das Drei-Gänge-Menü im BYC gleich doppelt gut.

Bei der anschließenden Siegerehrung sorgte Juwelier Friedrich noch einmal für leuchtende Augen und verloste eine edles Perlencollier für Damen und eine hochwertige Ebel-Herrenuhr. Die Gewinner freuten sich mindestens genauso sehr wie die Sieger auf dem Wasser.

Ergebnis Goldpokal – 45er

🥇 P241 – Markus Glas, Phillip Ocker, Nikolaus Ocker, Benedikt Laprell, Daniel Fritz (ges. 1.)

🥈 P237 – Andreas Lohmann, Walter Koziol, Max Wartbiegler, Paul Bauser, Bernd Peopplow (ges. 2.)

🥉 P244 – Andreas Hermann, Anna Heitland, Justus Ernst, Peter Koenig (ges. 5.)

  4. P243 – Florian Fendt und Team (ges. 11.)

  5. P238 – Nikolaus Stoll und Team (ges. 14.)

  6. P246 – Ewald Köstler und Team (ges. 15.)

  7. P252 – Luis Spott und Team (ges. 26.)

  8. P33 – Philipp Hiebler und Team (ges. 40.)

  9. P236 – Nepomuk Loesti und Team (ges. 50.)

Ergebnisliste: Link

Fotos: Leopold Ludwig / LudwigPhotographics, privat

Fortsetzung folgt…

Keine 24 Stunden später wartete bereits der nächste Klassiker – der Vidi-Pokal im Münchner Yacht-Club.

Rund 50 klassische Yachten, darunter sieben Kapitäne der 45er hatten sich zu dieser traditionsreichen Langstreckenregatta angemeldet, die ebenfalls zur Serie der Starnbergersee Classics gehört.

Und der Vidi beginnt bekanntlich ganz entspannt.

Während anderswo vor dem ersten Start noch hektisch Fallen sortiert und Windprognosen studiert werden, startet der Tag im MYC erst einmal mit einem zünftigen Weißwurstfrühstück. Brezen, Weißbier, eine Dixieland-Band und bester Stimmung – eigentlich könnte man den Tag auch einfach so verbringen.

Aber irgendwann musste dann doch gesegelt werden.

Der Start erfolgte um 12:30 Uhr – allerdings nur für die langsamsten Boote. Dank des traditionellen Känguru-Starts nach Yardstick konnten die 45er noch eine ganze Weile gemütlich sitzen bleiben.

Man könnte also sagen. Während die einen bereits um Meter kämpften, frühstückten die 45er noch hochkonzentriert taktisch.

Der Känguru-Start ist eigentlich ganz einfach: Während bei einer normalen Yardstick-Regatta alle gleichzeitig losfahren und anschließend fleißig gerechnet wird, wird beim Känguru-Start die Rechnerei einfach nach vorne verlegt. Jedes Boot startet entsprechend seiner Yardstickzahl zeitversetzt. Das Schöne daran: Wer zuerst im Ziel ist, hat tatsächlich auch gewonnen. Klingt komisch, ist aber so. Und erspart so manchem das Taschenrechnen bei der Siegerehrung.

Der Wind meinte es durchaus gut mit den Teilnehmern. Der ausgelegte Langstreckenkurs allerdings bot nur wenig Raum für taktische Überraschungen. Die meisten Schenkel wurden raumschots gesegelt, Spinnaker blieb daher weitgehend in der Tüte und Positionskämpfe waren entsprechend rar.

Damit war schnell klar. Wer gut startet, hat bereits einen großen Teil der Miete bezahlt.

Nach der Rückkehr aller Schiffe in den Hafen begann allerdings der eigentliche Krimi des Tages.

Plötzlich wurde an Land deutlich intensiver diskutiert als zuvor auf dem Wasser.

Etwa ein Viertel des Feldes hatte versehentlich eine Bahnmarke ausgelassen und damit den ausgeschriebenen Kurs nicht vollständig abgesegelt. Entsprechend lebhaft fielen die Gespräche mit Wettfahrtleitung und Jury aus. Es wurde erklärt, argumentiert, vermutet und natürlich ausgiebig fachgesimpelt.

Nach mehreren Anhörungen und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühl gelang es der Wettfahrtleitung schließlich, die Situation aufzulösen und eine offizielle Wertung zu veröffentlichen.

Zum Glück wartete anschließend schon die nächste therapeutische Maßnahme.

Der MYC-Wirt kümmerte sich wie gewohnt um das leibliche Wohl, während die Teilnehmergeschenke hervorragend zum Tag passten: Ballistol für alles, was etwas Pflege benötigte, und ein Glas Honig für die Platzierten, damit auch die letzten Diskussionen möglichst süß endeten.

Ergebnis Vidi-Pokal – 45er

🥇 P238 – Nikolaus Stoll mit Helmut Müller, Rainer Königsberger, Michael Geißler und Regina Gruber(2. gesamt)

🥈 P243 – Florian Fendt mit Manuel Hauptmann, Ingo Ehrlicher, Christof Wieland und Lukas Schirmer (3. gesamt)

🥉 P241 – Markus Glas mit Phillip Ocker, Tommy Hopf, Benedikt Laprell und Gunther Ernst (5. gesamt)

  4. P237 – Andreas Lohmann und Team (11. gesamt)

  5. P244 – Andreas Hermann und Team (12. gesamt)

  6. P236 – Nepomuk Lösti und Team (14. gesamt)

  7. P33 – Philipp Hiebler und Team (40. gesamt)

Ergebnisliste: Link

Fazit

Goldpokal und Vidi haben auch in diesem Jahr eindrucksvoll gezeigt, warum sie für viele Segler zu den schönsten Veranstaltungen auf dem Starnberger See gehören.

Anspruchsvolle Wettfahrten, unterschiedliche Regattaformate, zwei hervorragend organisierende Vereine, jede Menge Klassiker auf dem Wasser – und mindestens genauso viel Gastfreundschaft an Land.

Ein herzliches Dankeschön an den Bayerischen Yacht-Club, den Münchner Yacht-Club, alle Wettfahrtleitungen, Helferinnen und Helfer sowie natürlich an die Gastronomie, die dafür sorgte, dass niemand hungrig oder durstig nach Hause fahren musste.

Euer Hanno Schellenberg  -  diesmal von der J-370 Sternenstaub, jetzt wieder trockengelegt, und die Schwimmhäute zwischen den Fingern bilden sich inzwischen langsam zurück.

hsc